Hanf als Baustoff: Was der hohe Ölpreis verändert

Hanf als Baustoff: Was der hohe Ölpreis verändert

An der 2. Hanftagung von Agridea und IG Hanf am 24. September in Zollikofen ging es auch um Hanf als Baustoff. Eine Frage kam dabei immer wieder auf: Lohnt es sich, in der Schweiz eine eigene Wertschöpfungskette für Hanf am Bau aufzubauen? Der stark gestiegene Ölpreis gibt dieser Frage neues Gewicht.

Ölpreis verteuert herkömmliche Dämmstoffe

Seit dem Krieg am Golf und der Sperrung der Strasse von Hormus Ende Februar ist Erdöl deutlich teurer geworden. Ende September kostete ein Fass Brent rund 98 Dollar, etwa die Hälfte mehr als vor einem Jahr.

Das betrifft den Bau direkter, als man denkt. EPS (Styropor), XPS und PUR-Schaum werden aus Erdöl hergestellt, und allein Polystyrol deckt in Deutschland rund die Hälfte des Dämmstoffmarkts ab. Mineralwolle, Zement und Backstein enthalten zwar kein Öl, brauchen aber in der Herstellung viel Energie. Wie stark sich das auf die Preise auswirkt, wird sich zeigen. Der Hersteller Austrotherm hat die Preise für EPS und XPS dieses Jahr bereits im März und im Mai erhöht.

Hanfdämmung und Hanfholz sind längst im Einsatz

Dieter Baltensperger von der Stroba Naturbaustoffe AG zeigte an der Tagung, wie breit das Angebot heute ist. Stroba vertreibt seit 1996 Hanfdämmstoffe in der Schweiz: Matten, Einblasdämmung, Trittschallfilze, Hanfsteine, Lehmbauplatten und Putze. Hanf bindet beim Wachsen viel CO₂, laut Stroba rund 14,5 Tonnen pro Hektare, und dieses CO₂ bleibt im Gebäude. Aus einer Hektare lassen sich etwa 90 m³ Dämmstoff gewinnen. Hanfdämmung kann zudem bis zu 30 Prozent Feuchtigkeit aufnehmen, ohne an Dämmwirkung zu verlieren. Das sorgt für ein angenehmes Raumklima.

Einen anderen Weg geht die Pure Materials AG, vertreten durch Antonia Thüring und Elias Schürch. Die Firma stellt mit einer patentierten Technik Hanfholz her, das für Böden und Möbel und neu auch für tragende Platten eingesetzt wird. Hanf ersetzt hier also nicht nur die Dämmung, sondern auch Holz und Plattenwerkstoffe.

Beispiele gibt es auch in der Schweiz: Das Kreis-Haus der ZHAW in Feldbach ist mit Hanfplatten gedämmt, in den Schulhäusern Bethlehemacker in Bern und Röhrliberg in Cham dient Hanf als Schallschutz in den Decken.

Hanf als Baustoff aus der Schweiz: Der Rohstoff fehlt

Ein Punkt fiel an der Tagung besonders auf: Die Hanfbaustoffe auf dem Schweizer Markt werden fast ausschliesslich im Ausland hergestellt. Die Dämmstoffe von Stroba kommen aus den Niederlanden und aus Rumänien, das Hanfholz von Pure Materials aus den USA. Schweizer Hanf steckt darin keiner.

Das hat Gründe. Rina Rohrbach von der HAFL stellte die Resultate eines mehrjährigen Versuchs mit Faserhanf vor. Der Anbau funktioniert, rechnet sich aber nicht: Pro Hektare blieb jedes Jahr ein Verlust von 1’200 bis 1’350 Franken. Vor allem fehlt in der Schweiz die erste Verarbeitung, also das Rösten, Schwingen und Trennen von Fasern und Schäben. Jawad Reddani von Proconseil baut deshalb in der Romandie eine Interessengruppe für Naturfasern auf. Sie klärt unter anderem ab, ob sich in der Schweiz ein Zentrum für die Faserverarbeitung lohnen würde. Die HAFL arbeitet zudem an einer kleinen mobilen Anlage, die Hanfstroh direkt in der Region aufbereiten könnte.

In der Diskussion wurde auch klar, wo die grössten Chancen liegen. Feine Textilfasern werden in der Schweiz kaum konkurrenzfähig sein. Wer aber Hanf für die Samen anbaut und Fasern und Schäben für den Bau oder als Tiereinstreu nutzt, verwertet die ganze Pflanze. Das kann die Rechnung für die Landwirtschaft verändern.

Warum Hanf als Baustoff jetzt Chancen hat

Hanfdämmung ist heute teurer als Styropor. Ein Vergleich aus Deutschland nennt für eine gut gedämmte Wand rund 26 bis 32 Euro pro Quadratmeter für EPS und 50 bis 65 Euro für Holzfaser, einen anderen Naturdämmstoff. Diese Lücke ist aber nicht in Stein gemeisselt. Je teurer das Öl, desto teurer die Kunststoffdämmung, während der Preis für Hanf vor allem vom Anbau abhängt. Rechnet man die CO₂-Bilanz, die Entsorgung und das Raumklima dazu, sieht der Vergleich noch einmal anders aus.

Für uns heisst das: Jetzt ist ein guter Moment, um die Verarbeitung von Hanf in der Schweiz ernsthaft anzugehen. Wir sehen Potenzial für Betriebe, die Hanf als ganze Pflanze nutzen, für regionale Verarbeitung und für Baustoffe, die im eigenen Land wachsen. Damit das gelingt, braucht es Investitionen in die erste Verarbeitungsstufe, weitere Forschung zu Anbau und Ernte und Bauherrschaften, die bei der Bewertung von Baustoffen auch die graue Energie berücksichtigen.

Einen Rückblick auf die ganze Tagung finden Sie im Beitrag «Nutzhanf in der Schweiz: Rückblick auf die 2. Hanftagung 2026 – IG Hanf Schweiz».

Quellen

  • Brent-Preis 28.09.2026: Dashboard Konjunktur; Vorjahresvergleich: Fortune
  • Preisanpassungen EPS/XPS 2026: Austrotherm
  • Emissionen EPS, Kostenvergleich EPS und Holzfaser: Baustoffradar
  • Marktanteil Polystyrol: reduco
  • Hanf als Baustoff: Dieter Baltensperger, Stroba Naturbaustoffe AG, «Nachwachsender Dämmstoff als CO₂-Senke», Schweizer Energiefachbuch 2022

Siehe auch: Hanf – Nachwachsender Dämmstoff als CO2-Senke – IG Hanf Schweiz