08
Sep 2020

Todesstoß für den Hanfsektor?

Laut vorläufiger Auffassung der Europäischen Kommission sollen natürliche Hanfextrakte Suchtstoffe sein – entgegen jeder Vernunft, neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse und der grünen Ziele der EU

 Brüssel – Kurz vor den Sommerferien beschloss die Europäische Kommission ihre vorläufige Auffassung zum Status von Cannabis sativa L. im EURecht. Die Exekutive der Europäischen Union stoppte alle sogenannten „Novel Food Anträge“ für Hanfextrakte  und  natürliche  Cannabinoide  gemäß  der  Verordnung  für  neuartige Lebensmittel,  da  diese  als  Suchtstoffe  eingestuft  werden.  Sollte  diese  Auffassung bestätigt werden, wäre dies wohl das Ende für den Sektor und würde die Landwirte einer  dankbaren,  ertragreichen  Wechselkultur  berauben,  die  das  Potenzial  birgt, positive  externe  Umwelteffekte  zu  schaffen.  Cannabidiol  würde  auf  dem  Markt bleiben, jedoch nur in der synthetischen Form, die teilweiswe mit umweltschädlichen Chemikalien hergestellt wird.

 Nach einer dienststellenübergreifenden Konsultation kamen die Dienste der Europäischen Kommission zur vorläufigen Schlussfolgerung, dass Extrakte aus industriellen Sorten von Cannabis sativa L., und somit auch CBD, im EU-Recht als „Suchtstoffe“ einzustufen sind. Dies wurde den in der EU tätigen Unternehmen mitgeteilt, die einen Antrag für neuartige Lebensmittel gemäß Artikel 10 der Verordnung 2015/2283 gestellt hatten. Diese Entscheidung scheint eher politischer als rein rechtlicher Natur zu sein und berücksichtigt in keiner Weise die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse oder die Einheitsabkommen der Vereinten Nationen.

Diese vorläufige Auffassung widerspricht jeder Logik und ist zutiefst ungerecht. Der gesamte  Hanfsektor  arbeitet  extrem  hart  und  beabsichtigt  eine  Investition  von 3,7 Mio. Euro in neuartige Studien zu THC und CBD für einen gemeinsamen Antrag für neuartige Lebensmittel, mit voller Transparenz und unter Aufsicht der  EFSA“,  äußert sich Lorenza Romanese, geschäftsführende Direktorin der EIHA. „Andere Länder wie die USA, Kanada, China und die Schweiz bauen ihren Vorsprung aus. Ich frage mich, ob Europa den Mut hat, evidenzbasierte Politik zu machen  oder aber tatenlos zusieht, wie der Rest der Welt davonzieht.“

 Aus Sicht der EIHA sind Industriehanf und dessen Folgeerzeugnisse keine Suchtstoffe oder psychotropen Stoffe. Industriehanf ist vom Geltungsbereich des UN- Einheitsübereinkommen von 1961 ausgenommen,  dessen  Verfasser  klar unterschieden zwischen Cannabis-Sorten, die für die Drogenproduktion angebaut werden (und daher in den Geltungsbereich fallen), und Sorten, die für andere Zwecke angebaut werden (diese haben  einen  niedrigen  THC-Gehalt  und  sind ausgenommen). Des Weiteren ist die EIHA der Meinung, dass nicht alle  Hanfextrakte als neuartige Lebensmittel einzustufen sind, sondern lediglich die mit zusätzlichem CBD angereicherten Extrakte und Isolate. Die EIHA hat zahlreiche Belege gesammelt, die klar aufzeigen, dass die Verwendung von  traditionellen Hanfextrakten als Lebensmittel jahrhundertelang weitverbreitet war.

Traditionelle Hanfextrakte, die seit Jahrhunderten in der EU und weltweit konsumiert werden, sollen folglich als traditionelle Lebensmittel entsprechend der Lebensmittelverordnungen gelten. Hanfextrakte aus neuen Extraktionsmethoden sollten unter die Verordnung (EU) 2015/2283 über neuartige Lebensmittel fallen.

In den 1970erJahren wurde Industriehanf endlich vom EWGRat als Kulturpflanze anerkannt und sogar subventioniert. Im Jahr 1997 bestätigte die Kommission, dass Lebensmittel aus jeglichen Teilen der Hanfpflanze nicht neuartig seien. 2019 wurden einige  Teile  der  Pflanze  und  die  daraus  hergestellten  Lebensmittel  auf  einmal  als

neuartig   eingestuft   und   nun   wiederum   gelten   bestimmte   Teile   derselben Industriehanfpflanze als Suchtstoff. Statt wissenschaftlich fundierte, transparente Politik zu machen, scheint man vielmehr dem  Hanfsektor  den  Todesstoß  versetzen  zu  wollen“, kommentiert EIHA-Präsident Daniel Kruse.

Bemerkenswerterweise wurden bereits Anträge für künstliche Cannabinoide im Rahmen der Verordnung über neuartige Lebensmittel akzeptiert. Künstliche Extrakte zuzulassen, natürliche jedoch nicht, entbehrt aus wissenschaftlicher und ökologischer Sicht jeglicher Logik. Tatsächlich ist das chemisch hergestellte CBD-Enderzeugnis identisch mit dem natürlichen CBD-Extrakt. Zudem verbrauchen die chemischen Prozesse Energie und es wird kein CO2 gespeichert. Durch die Bevorzugung von künstlichen gegenüber natürlichen Extrakten wird den Landwirten und Lebensmittel- Unternehmen in Krisenzeiten eine wichtige Einkommensquelle genommen. Den einträglichsten Anwendungsbereich von Hanf aufzugeben, würde verhindern, dass parallele Wertschöpfungsketten entstehen,  um  Nebenerzeugnisse  wie  Hanffasern  und -schäben in der Produktion von Papier, Baustoffen, Textilien, Kosmetik und biobasiertem Kunststoff zu verwerten.

Nach Einschätzung der EIHA würde eine Einstufung natürlicher Extrakte als Suchtstoffe zwangsweise dem gesamten Sektor schaden und darüber hinaus einen florierenden grauen Markt begünstigen, auf dem Produkte verkauft werden, die weder den Lebensmittelsicherheitsstandards noch der Kennzeichnungsverordnung entsprechen. Im Idealfall würde die Kommission Hand in Hand mit dem Hanfsektor und den anderen Institutionen zusammenarbeiten, um vollkommen transparent einen gerechten  Markt für die Wirtschaftsteilnehmer sowie sichere, hochwertige Produkte für die Verbraucher zu gewährleisten.

Momentan  steht  nicht  nur  der  Hanfsektor  kurz  davor,  eine  Schlacht  zu  verlieren, sondern ganz Europa. Als EU-Bürgerin bin ich enttäuscht, dass die Kommission keinen konstruktiven Ansatz hat und stattdessen einen Sektor abstraft, der – wenn man ihm eine   Chance   gibt   –   den   Übergang   zu   einer   emissionsfreien,   ökologischen,

nachhaltigen Wirtschaft vorantreiben könnte und eine zusätzliche Einkommensquelle für unsere Landwirte darstellen würde, die das  Rückgrat  der EU-Lebensmittelmarkts sind. Wenn Hanfextrakte als Suchtstoffe gelten, werden nicht die Landwirte und KMU vom Erfolg des Hanfsektors profitieren, sondern nur die großen Konzerne, die sich die synthetische Produktion von Chemikalien leisten können. Diesen Irrsinn können wir uns weder leisten noch hinnehmen“, lautet Lorenza Romaneses Fazit.

Anmerkung für Herausgeber:

 Der Europäische Verband für Industriehanf (EIHA) repräsentiert die gemeinsamen Interessen    von    Landwirten,    Erzeugern    und    Händlern,    die     mit  Hanffasern, -schäben, -samen, -blättern und Cannabinoiden arbeiten. Unsere Hauptaufgabe ist es, den Hanfsektor in der EU und in der internationalen Politik zu repräsentieren, zu schützen und zu fördern.

Die EIHA deckt verschiedene Anwendungsbereiche von Hanf ab, insbesondere Baustoffe, Textilien, Kosmetik, Futtermittel, Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel.

EIHA Communications EUROPE

 Victoria Troyano | EIHA Communications Officer Fon +32 471 870659 | victoria.troyano@eiha.org